Ein Museumsbesuch

Plötzlich ist alles still

Eben an der Kasse…
– gezahlt, natürlich nicht mit Karte.

Den Mantel…
– ins viel zu kleinen Schließfach gestopft.

Jetzt stehe ich im Foyer…
– vor lauter Hinweisschildern erkenne ich keinen Weg in die Geschichte
Ich lasse mich treiben, trotte einfach anderen Besuchern hinterdrein.

Da stehe ich nun, mitten drin…
– um mich herum schattenwerfende Dinge in gläsernen Särgen.
Untoten gleich. Eine Geschichte, die auch Teil meiner Geschichte sein könnte.

Auf den Grabsteinen, hier als Objektschilder getarnt…
– schüttere Angaben.
Informationen, die ich entweder selbst erkenne – „Becher“
oder Benennungen – „Aquamanile“
– die ich nur Dank meines Latein-Intensivkurses damals in Cloppenburg erschließen kann.
Egal!
Ich lasse mich weiter tragen – geführt von der Sehnsucht meiner Augen…
Wie eine Mücke im Scheinwerfer bleibe ich an den Lichtkegeln kleben.
Bedeutungsvoll werden die Dinge ins Helle gezerrt
– jedoch ohne dass sich dadurch bei mir Erleuchtung einstellen würde…

 

 

Komisch:
Die interessanten Texte sind immer zu kurz.
– nur die langen Texte sind stets lang-weilig.

Überhaupt: lange Weile.
Ich schaue durch ein abgedunkeltes Fenster nach draußen:
Kein Ding, kein Text, kein Mensch, kein Medium erklärt mir den Zusammenhang…
– zwischen  der Welt da draußen und diesem Fried-Hof kultureller Objektivationen.

Ich bin müde.
Ich mache mich auf die Suche nach dem Café.
Immerhin: Dachterrasse, herrlicher Ausblick!
Ich bestelle ein Bier, Hefeweizen!
Die Bedienung ist freundlich.
Plötzlich ein Schock:
Eben noch habe ich – in der Abteilung für frühneuzeitliches Glas – beiläufig ein „Stangenglas“ gesehen.
… und jetzt muss ich erkennen, dass das Weizenbier noch heute,
400 Jahre später, fast im gleichen Glas serviert wird…
Warum…
Warum erzählt mir das eigentlich keiner?

© Matthias Henkel   |  EMBASSY OF CULTURE

Why?

a little soliloquy about self-perception
as a museum visitor

Just at the cash desk…
– not with visa card, of course.

The coat…
– in the much too small locker.

Now I stand in the foyer…
– I see no way into the story because of all the signs.

I let myself drift,
just trot behind other visitors.

Here I am, in the middle of it…
– shade-throwing things in glass coffins
all around me.

A story that could actually be part of my story.

On the gravestones, here disguised as object plates…
– information that I either recognize myself…
– „mugs“
or nomenclature – „Aquamanile“
– which I can only decrypt
because of my intensive Latin course in Cloppenburg…..

 

 

Never mind!

I let myself drift on
– guided by the longing of my eyes…
Like a mosquito in a spotlight I stick to the light cones.
Meaningfully things are pulled into light
– but without enlightenment…

Noteworthy:

The interesting texts are always too short…
– only the long texts are always boring.

Boredom at all.
I look outside through a darkened window:
no thing, no text, no person, no medium explains the connection…
– between the world out there and this cemetery of cultural objectivations.

I’m tired. I look for the café.
At least: roof terrace!
Suddenly I get a shock:
just a moment ago I casually saw a „rod glass“
– in the department for early modern glass…
and now I have to realize that the wheat beer is still served today,
400 years later,
almost in the same glass….
Why…
why doesn’t anybody actually tell me this?