#BEUYS7000 - 40 Jahre später - Seminar an der Universität Kassel (Sommersemester 2022)

 

#BEUYS7000

Ein interdisziplinäres Seminar und Projekt mit Studierenden des Lehramts und weiterer Fachgebiete zur Auseinandersetzung mit und Implementierung von Nachhaltigkeit am Campus.

Die Veranstaltung richtet sich an:

Lehramtsstudierende, Kunstwissenschaft, Bildende Kunst, Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung, Mobilität, Verkehr und Infrastruktur, Philosophie: Umwelt – Gesellschaft – Kritik, Stadt- und Regionalplanung, Zertifikatprogramm Umweltwissen, Umweltrechtzertifikat, umwelt- und nachhaltigkeitsbezogenes Wissen im Bereich Schlüsselkompetenzen.

Die soziale Verwurzelung der 7000 Eichen

Ziel ist, auf der Basis der Materialität und Präsenz der 7000 Eichen die emotionale Verfasstheit der Stadtgesellschaft zu ergründen. Durch die Veröffentlichung der Videos wird zugleich ein erneuter Dialog ermöglicht. Das Projekt aktiviert als das unbewusste kollektive Gedächtnis der Stadt.

Damit entsteht neben dem gewachsenen Erbe (den Bäumen) ein ebenso wachsendes Archiv von Meinungen, Stimmungen, Empfindungen und Gefühlen. Es entsteht genau das, was Joseph Beuys einen „Ort der permanenten Konferenz“ genannt hat. Mit Hilfe der digitalen Medien (Social Media) werden die video-dokumentierten Narrationen zugleich wieder zu Akzeleratoren weiterführender Diskurse innerhalb der Stadtgesellschaft.

Inhaltliche Ausrichtung des Projekts/Themenbereich

Das Modul Ästhetische Bildung und Bewegungserziehung ist ein essenzieller Baustein des Grundschullehramtstudiums. Anhand eigener ästhetischen Erfahrungen, Unterrichtsbeispielen und Projektideen wird deutlich, wie gerade ästhetische Bildung als fächerübergreifendes Prinzip zur Sensibilisierung für und kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen beitragen kann und kreative Entwürfe von Zukünften entwickelt werden können.

Das  interdisziplinäre Seminar fußt thematisch auf dem bereits im WS 2021/22 veranstalteten Seminar (#BEUYS100 Lass Wachsen). Während das erste Seminar in erheblichem Maße auf die Einbindung weiterer externer Expert:innen und Zeitzeug:innen sowie auf die operative Erarbeitung des Themenfeldes durch die Studierenden selbst setzte, wird mit diesem Projekt der Fokus auf die Erkundung des kulturellen Gedächtnisses (vgl. Aleida Assmann) der Stadt Kassel gelegt.

Die im Rahmen des #BEUYS100-Seminars durch die Studierenden erarbeiteten Materialien werden – im Sinne auch der nachhaltigen Nutzung geistiger Ressourcen – für die Durchführung des zweiten Seminars – #BEUYS7000oaks40 – nutzbar gemacht.

nachhaltiges Lernen, Lehren und Erleben

  • Das Seminar befasst sich mit einem Projekt gelebter Nachhaltigkeit an der Schnittstelle zwischen Kunst, Natur und Gesellschaft (den 7000 Eichen der Documenta 7)
  • Die Studierenden des ersten Seminars erarbeiten eine fachliche und erfahrungsmäßige Grundlage, die für das zweite Seminar als inhaltliches Fundament dienen kann
  • Die Studierenden des ersten Projektes erarbeiten und erleben insbesondere den Stadtraum selbst – und werden diesen künftig mit ganz anderen Sinnen wahrnehmen (Schule des Sehens)
  • Die Studierenden des hier beantragten zweiten Seminars fokussieren sich – auf dieser geschaffenen Basis – auf die Stadt als den sozialen Raum. Durch die Interviews mit den Bürger:innen werden die Parallelwelten der Narrative nicht nur aktiv erarbeitet und offengelegt, sondern durch die Videos auch öffentlich zugänglich.
  • Mit dem Projekt schlägt die Universität zugleich eine thematische Brücke zum LUMGBUNG-Konzept der DOCUMENTA fifteen 2022 (vgl. https://universes.art/de/documenta/2022/short-concept)

Geplante Umsetzungsaktivitäten

Das Projekt nimmt die BEUYS-Aktion 7000 Eichen zur documenta von 1982 zum Ausgangspunkt der eigenen Wahrnehmung, Erfahrung und Erforschung  des materiellen uns sozialen Stadtraums. Durch die inhaltliche Verknüpfung der beiden Seminare werden Brücken gleich in mehrfacher Hinsicht geschlagen:

  • zwischen der Beuys-Aktion von 1982 und der Gegenwart der Studierenden
  • zwischen den beiden Seminaren – durch Nutzbarmachung der bereits erarbeiteten Kenntnisse
  • zwischen der Stadtgesellschaft und der Universität – durch die Durchführung der Interviews
  • zwischen der aktuellen Lebenswelt der Studierenden, der gelebten Vergangenheit und Gegenwart der interviewten Zeitzeug:innen und – abstrakt formuliert – zwischen den noch ungelebten Zukünften der künftigen Bürgerinnen und Bürger der Stadt Kassel – angesichts eine Lebenserwartung der gepflanzten Bäume von 500-800 Jahren.

Nicht zuletzt wird durch den diskursiven und dialogischen Ansatz (Interviews) – gepaart mit der medialen Komponente (Videographie) – die soziale und methodische Kompetenz der Studierenden herausgefordert und proaktiv entwickelt.

Die stadträumlich-soziale Verwurzelung

Der einführende Teil des Projektes besteht darin, den Status Quo der stadträumlich-sozialen Verwurzelung der 7000 Eichen von BEUYS – insbesondere an den Standorten der Universität* – zu eruieren. Der Begriff der stadträumlich-sozialen Verwurzelung wird bewusst gewählt, um neben der natürlichen Komponente auch die gesellschaftliche Komponente des Projektes zu analysieren. Darauf aufbauend wird im Seminarverband der Leitfaden für strukturierte Interviews erarbeitet.

Im nächsten Schritt werden Interviews mit Zeitzeug:innen – Anwohner:innen und Uni-Mitarbeiter:innen bzw. ehemaligen Studierenden – geführt. Die interdisziplinäre Studierendenschaft aus Philosophie, Kunstwissenschaft, Landschafts- oder Stadtplanung ermöglicht dabei sich ergänzende Zugänge und den Austausch unterschiedlicher Expertisen und Perspektiven. Die Leitfaden-Interviews werden per Video dokumentiert und dann professionell bearbeitet (Schnitt, Postproduction etc.) und dann auf einer Website veröffentlicht.

Konzeption und Durchführung

Dr. Matthias Henkel mit Unterstützung eines externen Video-Dienstleisters

  • Das Seminar fußt thematisch-inhaltlich auf den Erfahrungen des Seminars #BEUYS100 Lass Wachsen im WS 2021/22.
  • Ziele des Seminars: innovatives und interdisziplinäres Projekt für Studierende und Verbesserung der Umweltperformanz der Universität Kassel – die mit der praktizieren Ausbildung der Studierenden in einer direkten Verbindung steht.
  • Die Fortsetzung der Sozialen Plastik in den Sozialen Raum hinein.
  • Das Projekt 7000 Eichen wurde von Joseph Beuys als Soziale Plastik konzipiert, die sich seit 40 Jahren organisch im Stadtraum verwurzelt. Jetzt – nach über einer Generation – geht es darum, die soziale Verwurzelung des Projektes sichtbar und erlebbar zu machen.
  • Transformation: Im Rahmen des Projektes werden aus Studierenden Dokumentare des kulturell-kollektiven Gedächtnisses der Stadt Kassel.

Nachhaltigkeit durch Dokumentation

Durch die Video-Dokumentation der persönlich-subjektiven Stimmungsbilder wird der materiellen Ebene der Bäume eine immateriell-emotionale Ebene zur Seite gestellt.

Resümee

Das Seminar wird von Dr. Matthias Henkel durchgeführt und ermöglicht mit seiner Ausrichtung das Zusammenkommen unterschiedlicher disziplinärer Perspektiven auf einen gesellschaftsrelevanten Gegenstand: Es entsteht dadurch bei den Studierenden ein intensives Erleben von Selbstwirksamkeit – gepaart mit der Bewußtmachung von Verantwortung für das eigene Handeln im gesamtgesellschaftlichen Kontext. Dadurch entsteht für die Lehramtsstudierenden ein spannendes Added Value, weil sie in ihrem späteren Berufsleben stets an der Schnittstelle zweier Generationen arbeiten werden – und somit künftig einen didaktisch-pädagogischen Hebel für die Verwirklichung einer Generationengerechtigkeit besitzen.

Nachhaltigkeit Campus Universität Kassel

Durch das Projekt wird die Forderung nach konkreten Umsetzungsmaßnahmen für mehr Nachhaltigkeit auf dem Campus nicht nur anschaulich, sondern sinnlich sowie methodisch vielfältig eingelöst. Durch den entstehenden Dialog setzt ein Bewusstmachungsvorgang ein, der allen am Projekt Beteiligen nicht nur Impulse der Selbstwirksamkeit, Kompetenz und Relevanz vermittelt, sondern darüber hinaus auch das gesamtgesellschaftliche  Verantwortungsgefühl aktiviert.

Die Handlungsmaxime, wonach bis 2030 eine CO2-Neutralität der Universität zu realisieren ist, lässt sich nämlich nur durch einen konzertierten Wandel im gesellschaftlichen Mindset realisieren – gesellschaftliche Transformation ist als erst in zweiter Linie auch als technologischer Wandel zu verstehen. Es bedarf, neben dem Erwerb neuen Wissens, auch der Bereitschaft zum Ver-Lernen (unlearning the given –  https://savvy-contemporary.com/en/events/2016/unlearning-the-given/)

Auf diese Weise erhält das Beuyssche Konzept des Erweiterten Kunstbegriffes eine wirklich authentische Manifestation: 35 Jahre nach dem Tod des Künstlers, 40 Jahre nach der d7 – und begleitend zu DOCUMENTA 15, die sich ebenfalls der kulturell-sozial grundierten Nachhaltigkeit verschrieben hat (vgl. https://documenta-fifteen.de/nachhaltigkeitsprojekte/).

Soziale Plastik | JOSEPH BEUYS

Die operative Schlagkraft des von Joseph Beuys entwickelten Konzeptes der Sozialen Plastik wird gerade aus Anlass seines 100sten Geburtstages mehr als evident: In den 40 Jahren seit der documenta 7 hat sich Kassel durch dieses Landart-Projekt zu einer Stadt mit Grüner Lunge entwickelt. Die aktuellen Standorte der BEUYS-Bäume lassen sich dem Baumkataster entnehmen (https://www.7000eichen.de/index.php?id=20). Die erhaltende Arbeit der Stiftung 7000 Eichen ist daher essenziell. Dadurch wird deutlich, dass Hege und Pflege – oder ganz allgemein Aufmerksamkeit und Achtsamkeit – elementare Bestandteile einer aktiv gelebten Nachhaltigkeit sein müssen; die Prozesshaftigkeit und das erforderliche Verantwortungsgefühl des eigenen Handelns werden dadurch verdeutlicht. Die Bürgerinnen und Bürger werden – im Idealfall – selbst zu Bewahrer:innen der künstlerischen Schöpfung. War die Pflanzaktion selbst schon als sozialer, gesellschaftlich-diskursiver Prozess gestaltet, so sind in den vergangenen 40 Jahren die Anwohnerinnen und Anwohner nicht nur zu Beobachtenden (des Wachstums) geworden, sondern sie sind – angesichts der Folgen des Klimawandels – zu Baum-Kurator:innen geworden; an der Schnittstelle zwischen Kunst, dem sozialen Raum der Stadt und der Natur.

Neue Nachhaltigkeit 2.0

Den inhaltlichen-theoretischen Rahmen des Projektes bildet der Diskurs über einen Ansatz zur kulturell-künstlerischen Untersetzung des Begriffs von Nachhaltigkeit. Erst damit – so unsere Ausgangshypothese – wird aus dem Sinnvollen etwas wirklich Sinnstiftendes; wird nachhaltiges Denken und Handeln durch diese emotional-werteorientierte Aufladung für alle Beteiligten auch individuell relevant. Bereits vor 20 Jahren wurde im sogenannten Tutzinger Manifest eine Neuausrichtung der Definition von Nachhaltigkeit proklamiert, allerdings ohne dass sich bislang operative Folgen daraus entwickelt hätten (https://kupoge.de/ifk/tutzinger-manifest/; zum Verhältnis von Kultureller Bildung und BNE s. https://www.kubi-online.de/artikel/zum-spannungsreichen-verhaeltnis-bne-kultureller-bildung-oder-bildnarrative-unsere).

Fachliche Kompetenzen

Das Seminar setzt auf den Erfahrungen und Untersuchungsergebnissen des Seminars #BEUYS100 Lass‘ Wachsen auf, ohne dass eine personale Kontinuität dafür Voraussetzung wäre.

Ganz bewusst wird das Seminar zeitlich parallel zu DOCUMENTA 15 angeboten, weil mit dem Claim LUMBONG das Thema einer sozial und kulturell identifizierten Nachhaltigkeit verfolgt; und der Begriff der sozialen Verwurzelung xxxxxxxxxxxx

Kommunikative Kompetenzen

Die Akquisition externer Gesprächspartner:innen stellt eine besondere Herausforderung an die kommunikativen Fähigkeiten aller Beteiligten dar, weil sich ein solcher Prozess nicht komplett steuern lässt, sondern auch schlicht von mehr oder minder unvorhersehbaren Umständen abhängig ist.

Aufruf in der Tagespresse

Denkbar wäre beispielsweise auch, ein in der Tagespresse veröffentlichter Aufruf zur Teilnahme an den Interviews.

Qualitativer Ansatz

Auch wenn bei der Auswahl potentieller Interviewpartner:innen auf ein Höchstmaß an Diversität und Vielstimmigkeit angestrebt wird, kann im Rahmen des Seminars aufgrund der Zeit- und Personalressourcen ein ausschließlich qualitativer Ansatz verwirklicht werden.

Filmtechnisch-dramaturgische Kompetenzen